So weit die Füße tragen: Das Phänomen der Marathonwanderungen | Rastlos - Der Wanderblog

Donnerstag, 6. April 2017

So weit die Füße tragen: Das Phänomen der Marathonwanderungen

Ein Wegweiser steht vor einer schönen Berglandschaft. Auf dem oberen Schild des Wegweisers, das nach rechts zeigt, steht "Start 14 km". Das mittlere zeigt geradeaus und darauf steht "Arzt 300m". Das untere zeigt nach links und trägt die Aufschrift "Ziel 86km".
Sie heißen Mammut- oder Megamarsch, lassen sich selbst an seine persönlichen Grenzen herantreten oder sie glatt überschreiten und scheinen momentan der absolute Trend in der Wanderszene zu sein: Marathonwanderungen.
Bis 100 km und mehr sind keine Seltenheit bei diesen Events, die einen 24 Stunden (oder auch mehr) nonstop durch die Botanik, über Felder und Wiesen, durch Wälder und über Stock und Stein jagen.
Seit einem Jahr bemerke ich, dass diese Events immer mehr werden und in allen Regionen Deutschlands gefühlt wie Pilze aus dem Boden schießen.
Vielleicht liegt mein Empfinden aber auch einfach daran, dass ich momentan gezielter danach suche und weil ich mir immer häufiger die Frage stelle "Was zum Teufel soll das?" bzw. "Warum zur Hölle tut man sich das an?"
Erst vor ein paar Tagen bekam ich per Mail einen Pressemitteilung, dass nun endlich Marathonwanderung XY wieder in NRW und damit zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt ist.

"Weiter, immer weiter. Bis jeder Muskel brennt."
Mit diesen Worten begann die Pressemitteilung und ging nach einer kurzen Einleitung weiter mit "Was 2012 mit gerade einmal 17 Teilnehmern startete, ist längst zu einer regelrechten Bewegung geworden. 2500 Menschen marschierten im vergangenen Sommer durch Berlin und Brandenburg. Schmerzen, Blasen, Hunger und Müdigkeit zum Trotz.".
Dass aber genau dieses besagte Event in Berlin nach "nur" 59 km abgebrochen werden musste, weil die medizinische Versorgung der Teilnehmer aufgrund überlasteter Rettungskräfte nicht mehr garantiert werden konnte, das wird natürlich nicht erwähnt. Hier haben Schmerzen, Blasen, Hunger, Müdigkeit oder sonstige Wehwehchen wohl dann doch überhand genommen.

Ihr merkt sicher, in welche Richtung dieser Beitrag geht. Dass ich persönlich, der ja nun mal diesen Blog schreibt und seine Meinung hier kundtut, kein Freund von solchen Events bin, ist denke ich bis zu dieser Stelle schon klar geworden. Dennoch möchte ich mir Zeit nehmen und meine Kritik an diesen Events noch etwas weiter ausführen.

Nicht immer gut für Mensch und Tier


Wann genau hat dieser Hype eigentlich angefangen? Diese Frage habe ich mir schon des Öfteren gestellt, bin aber nie auf die genaue Antwort gestoßen (wer sie weiß, ist gern eingeladen, einen Kommentar zu hinterlassen). Aber ich weiß zumindest, wann ich persönlich das erste Mal mit einer Marathonwanderung in Berührung gekommen bin: Im August 2016, als erstmals die Bergische 50 stattfand. Eine 50 km lange Wanderung durch das Bergische Land sollte Fans der Region und solche, die es werden wollten, ins Bergische locken. Bei fabelhaftem Wetter feierte das Event mit über 1000 Teilnehmern eine gelungene Premiere.
Ein Jahr zuvor war ein ähnliches Event, die Bergische 100, aufgrund von Umweltauflagen, bereits gescheitert. Auch eine geänderte Routenplanung konnte den Landschaftsbeirat damals nicht überzeugen, das Event doch noch stattfinden zu lassen. Man sah es als erwiesen an, dass Wild durch das nächtliche Durchwandern von Waldgebieten erheblich gestört und beeinträchtigt wird. Weitere Gründe brachten das Projekt schließlich endgültig zum Scheitern, sodass sich die Veranstalter mit der Bergischen 50 ein einfacheres Projekt auferlegten, welches in diesem Jahr (2017) bereits in die zweite Runde geht.


100 km in 24 Stunden - warum?


Doch warum tun sich Leute das überhaupt an? Warum nimmt man die Strapazen, die ein solches Event unweigerlich mit sich bringt, auf sich? So recht konnte mir diese Frage bislang niemand beantworten.
Die naheliegendste und am einfachsten zu akzeptierende Begründung ist wohl die, dass man sich selbst etwas beweisen möchte. Nicht umsonst pilgern Menschen seit Jahrhunderten über den Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich 800 km quer durch Spanien nach Santiago de Compostela, wenn sie sich nicht, möglicherweise auch nur indirekt, selbst etwas beweisen wollten.
Ich möchte den Jakobsweg jedoch keinesfalls mit einer Marathonwanderung gleichstellen - allein schon, weil man diesen Weg sicher aus anderen Gründen geht als man sich für eine 24-Stunden-Wanderung anmeldet.
Sich selbst etwas zu beweisen ist die Begründung, die ich noch am ehesten nachvollziehen und akzeptieren kann. Studiert man aber mal die Historie der ein oder anderen Marathonwanderung, findet man schnell heraus, dass die Ursprünge durchaus auch in einem netten Abend mit Freunden und demnach wahrscheinlich in dem ein oder anderen Bierchen liegen können.
Da kann man schon mal auf die Idee kommen, aus Spaß an der Freude mal 100 km innerhalb von 24 Stunden zu latschen, was mich direkt schon wieder zur nächsten Frage bringt: Kann sowas wirklich Spaß machen?

  Zwei interessante Erfahrungsberichte von Youtubern, die sich auf einen Wandermarathon vorbereitet und absolviert haben

Ein großer Pluspunkt ist sicherlich, dass man nette, gleichgesinnte Leute kennenlernt, mit denen man sich ausgiebig unterhalten kann. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt, dann, wenn die Beine schwer und die ersten Blasen langsam dicker werden, vergeht bestimmt auch dem letzten Wanderenthusiasten die Lust auf Smalltalk, da man viel mehr mit der eigenen Motivation beschäftigt ist. Daher wage ich an dieser Stelle einfach mal die Behauptung, dass Blasen und schmerzende Füße, sofern man nicht unbedingt masochistisch veranlagt ist, definitiv keinen Spaß machen. Auch hier seid ihr jedoch gern eingeladen, einen Kommentar zu hinterlassen und mich vom Gegenteil zu überzeugen.

Die gute, alte Selbstüberschätzung


Gut, ich möchte jetzt nicht alles schlecht reden. Der soziale Aspekt ist sicher nicht zu unterschätzen. Wenn 1000 Menschen mit mir diese Strapazen durchleben, treibt mich das sicher auch an. Und wenn dann doch mal der Selbstantrieb fehlt, findet sich unter den Mitstreitern ganz bestimmt immer jemand, der einen buchstäblich an die Hand nimmt und wieder aufbaut. Herdentrieb.
Und ja, man kann sicherlich auch damit glänzen oder angeben und völlig zurecht stolz darauf sein, sollte man eine solche Challenge wirklich erfolgreich hinter sich gebracht haben.
Doch wie weit darf man für einen solchen Erfolg gehen? Darf man sich selbst untreu werden?
In Zeiten der sozialen Medien ist Anerkennung so gut wie an jeder Ecke zu haben. Ein schönes Bild bei Instagram, ein geiles Selfie bei Facebook oder ein flotter Spruch auf Twitter, alles mit den passenden Hashtags versehen um möglichst viel Reichweite zu erzielen schon hagelt es Likes ohne Ende. Anerkennung wird planbar und so ist man gezwungen, schon etwas ungewöhlichere Dinge zu tun, um aus der Masse herauszustechen. Manch einer klettert auf den Kölner Dom, andere laufen eben 100 km in 24 Stunden - wer kann, der kann.
Aber wie sieht es mit denen aus, die wollen, aber nicht wirklich können? Die neigen dann womöglich zur Selbstüberschätzung und quälen sich den langen und beschwerlichen Weg bis in Ziel, nur um am Ende mit einer Medaille um den Hals und einer Urkunde in der Hand ein Foto von sich, auf dem sie womöglich auch noch aussehen, als wären sie dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, in die sozialen Netzwerke dieser Welt zu laden um in kürzester Zeit so viele Likes wie nur möglich einzusammeln.
Daumen hoch - nicht!
Mit Stolz und einer tollen Leistung hat das nichts mehr zu tun. Eine tolle Leistung hätte man dann erbracht, wenn man während der Tour erkannt hätte, das man seine persönliche Grenze erreicht oder diese sogar leicht überschritten hat und nun die bekannte Reißleine zieht, um sich selbst vor nicht abschätzbarem Unheil zu bewahren. Die extremen Belastungen für den Körper, die ein solches Event mit sich bringt, sind sicher nicht von der Hand zu weisen.

Sei stolz und erkenne dich selbst


Die Videos oben zeigen, dass eine solche Dauerbelastung auch nach guter Vorbereitung und intensivem Training nicht spurlos am menschlichen Körper vorbei gehen.
Ich glaube, meinen Körper und meine Grenzen zu kennen und weiß daher, dass ich mich niemals an einem solchen Wandermarathon beteiligen würde. Dennoch ziehe ich meinen Hut vor all denen, die sich getraut und den Marsch womöglich erfolgreich und ohne größere Blessuren hinter sich gebracht haben. Ihr habt meinen vollsten Respekt!
Für mich bedeutet Wandern Spaß, Erholung, Ruhe und vor allem Entschleunigung. Diese vier Eigenschaften stehen für mich in totalem Gegensatz zu den Marathonwanderungen, die eher einem sportlichen Großereignis gleichen.
Ich komme gern zum Anfeuern auf den letzten Kilometern an den Streckenrand und trage die Events auch gern in den Veranstaltungskalender ein, aber ich glaube nicht, dass man hier wirklich abschalten und sich erholen kann.

Jeder muss selbst wissen, was er tut. In meinen Augen machen solche Events das Schöne, was das Wandern mit sich bringt, kaputt. Die Natur, die man beim Wandern sonst so sehr genießen kann, ist bloß noch Austragungsort und Mittel zum Zweck. Mein Fall sind Marathonwanderungen jedenfalls nicht.
Wie sieht es mit euch aus? Was ist eure Meinung zu solchen Events? Ich würde mich sehr über einen Kommentar und eure Meinung freuen. Gern könnt ihr bis zum 30.04. auch noch an der anonymen Umfrage auf der rechten Seite teilnehmen.

Liebe Grüße,
Timo



Nachtrag vom 15.04.2017:
In der vergangenen Woche erreichte mich eine E-Mail vom Team des Mammutmarsches, aus der eine kurze aber nette und aufschlussreiche Konversation entstanden ist. Ich wurde eingeladen, im September zum Mammutmarsch zu kommen und die Stimmung sowie den Teamgeist auf den ersten Kilometern einfach mal mitzuerleben.
Sie haben weder versucht, mich umzustimmen noch wurde ich für meinen Beitrag in irgendeiner Art angefeindet. Eher war das Gegenteil der Fall: Sie akzeptieren meine Kritik und fanden, dass diese durchaus relevante Punkte enthalte.
Ich fand die Reaktion wirklich sehr gut und möchte dem Mammutmarsch-Team an dieser Stelle noch einmal für die Offenheit und Ehrlichkeit sowie natürlich für die Einladung danken.

Nachtrag vom 01.05.2017:
Das Ergebnis der Umfrage steht fest. Die Teilnehmer haben wie Folgt abgestimmt:
Frage: Könnt ihr euch vorstellen, an einer Marathonwanderung teilzunehmen?

  • Ja, habe ich sogar schonmal: 30%
  • Ja, könnte ich mir vorstellen: 30%
  • Nein, dafür bin ich nicht Fit genug: 20%
  • Nein, ich finde solche Veranstaltungen total unsinnig: 20%

So weit die Füße tragen - oder bis die Schuhe aufgeben (Symbolbild)

1 Kommentar:

  1. Hi Timo,

    ich teile deine Meinung.. Ich finde man kann so etwas ausprobieren, wenn man möchte. Und es ist auch keine Schande, wenn man es nicht durchsteht. Steht man es durch und hatte Spaß daran. Go for it! Mit genügend Pause dazwischen, soll man es ruhig wiederholen, wenn man es braucht.

    In den letzten 2 Jahren habe ich dieses Phänomen auch hier in der Rhön erlebt und stoße immer wieder auf Gruppen, welche solche Mammutwanderungen durchziehen. Überflüssig meiner Meinung nach.

    Gruß
    Felix

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